Kurz vor Weihnachten präsentiert jeder von uns (s)ein besonderes Buch

Kurz vor Weihnachten präsentiert jeder von uns (s)ein besonderes Buch

Altern ist ein Teil unserer Gesellschaft. Morgen noch mehr als heute. Wir alle sind oder werden in unseren Familien davon betroffen sein - zunächst als Fürsorgende für unsere Elterngeneration, später als selbst Betroffene. In dem wunderschönen Buch "Der alte König in seinem Exil" wird anhand der Beziehung des Autors Arno Geiger zu seinem eigenen Vater gezeigt, dass in Demenz und Altern neben allen Verlusten auch Gewinne verborgen sein können. Es ist ein lebensfrohes Buch, ein Buch voller skurriler kleiner Geschichten. Der Autor beschreibt den Fortschritt der Krankheit seines Vaters und wie ihm selbst immer mehr entgleitet. Eigentlich jedoch waren sich die beiden zuvor eher doch fremd gewesen und die Krankheit bietet dem Sohn nun plötzlich einen Weg, den Vater neu zu entdecken und ihm nahe zu sein. Die Brücke zur Alzheimer-Welt des Vaters gelingt ihm, indem er selbst ein Stück auf die eigene Rationalität und Logik des Erwachsenen verzichtet und sich dafür auf die verquere, ungewöhnliche Poetik und kommunikative Kreativität des kranken Vaters einlässt. Das scheinbar abnorme Verhalten des Vaters erscheint plötzlich als Dada-ähnliche Sprachfloskel, als Sichtweise gegen den Mainstream, als überraschende und gegen den Strich gebürstete Aphorismen und Denkfloskeln. Durch das Einlassen auf die "kranke" Logik des Vaters wird der Sohn selbst menschlicher. Er kommt mehr zu sich und wird reichhaltiger in seinen Persönlichkeitsfacetten, weil er "verrücktes" Denken ein Stück zulassen kann, und Normen und Regeln des "gesunden" Erwachsenen  zu relativieren beginnt. Und damit wird das Buch fast zu einer heiteren Lektüre und eine interessante Brücke in eine andere Welt. (Johannes Terhalle)