Blindheit in der Jobwahl. Ein Plädoyer gegen den Herdentrieb und für die Hidden Champions

Blindheit in der Jobwahl. Ein Plädoyer gegen den Herdentrieb und für die Hidden Champions

Wo soll ich mich bewerben? Diese klassische Frage wird in der Regel ohne viel Überlegung beantwortet. Das Ergebnis ist eine fatale Mischung aus Zufall und kurzfristiger Planung. Wer ein Haus baut stellt auch eine langfristige Planung auf. Diese geht über die Finanzierung hinaus und entwirft ein Szenario der kurz- und der langfristigen Funktionen des Hauses über eine vieljährige Zeitetappe. Wieviele Kinder sollen oder könnten es (noch) werden, wie leben wir als Paar, wie können wir den Zuschnitt der Lebensbereiche für die speziellen persönlichen Interessen wie Wohnen, Kochen und Essen kombinieren, welche Hobbies haben wir und welche energetische und bautechnische Grundhaltung benötigen wir? Die Liste ließe sich beliebig erweitern.

Wer ein Haus baut stellt hierfür zielgerichtete Überlegungen an und plant langfristig. Wer allerdings einen (neuen) Job sucht, geht oft nicht so vor. Zufall, Unsystematik und unpräzise Zielsetzungen sind hier häufig anzutreffen.

Deutschland ist nicht nur ein föderal organisiertes Land, sondern auch ein Land der Regionen. Es gibt in Deutschland etwa 80 Großstädte (über 100.000 Einwohner) und etwa 600 mittelgroße Städte in Metropolregionen und im ländlichem Raum mit 20.000-99.000 Einwohnern. In diesen vielen kleineren Zentren gibt es höchst interessante Unternehmen, die als potentielle Arbeitgeber in Frage kommen. Aber Jobsuchende nutzen kaum Instrumentarien, um sich hier zu orientieren. Deshalb sind B2C Unternehmen bekannt, obwohl sie es nicht immer verdienen und B2B-Unternehmen oft völlig unbekannt, obwohl milliardenschwer, inhabergeprägt, international und marktführend.

Diese Hidden Champions müssen sich mehr als früher um Talente bemühen und packen deshalb endlich die großartigen Argumente aus, warum es sich bei Ihnen so gut arbeiten und leben lässt! Der Kandidat sollte sich fragen: interessieren ihn Oper und Großstadtkultur oder genügt dies als gelegentliche Dosis. Vielleicht sind angesagte Outdoorsportarten dagegen sein / ihr Faible? Vielleicht ist es dann gegebenenfalls auch interessanter in der Region als in der Großstadt? Will ich eventuell Job + Familie + soziales Umfeld im Einklang haben, ohne ständig um diese Balance zu kämpfen und dies in der Großstadt eher doch nicht zu packen?

Auch hier punktet der regionale Hidden Champion. Sind mir Gestaltungsmöglichkeiten im Job, ein persönliches Jobumfeld und Kriterien wie Mitarbeiterorientierung, Fairness, Geradlinigkeit oder Glaubwürdigkeit von Bedeutung? Hier haben mittelständische Unternehmen im regionalen Umfeld gute Karten. Ob sie auch genügend weltoffen, international und wettbewerbsstark sind, lässt sich dann recht leicht überprüfen. Wer auch in diesen Kriterien punktet ist ein sehr interessanter Arbeitgeber, der sich vor DAX-Unternehmen und dem Image von Unternehmen in den angesagten Großstädten nicht fürchten muss.

Dazu kommen noch familiengerechte Arbeitszeiten, günstiges Bauland, ein intaktes Umfeld und eine natürliche Lebensumgebung – was nicht heißen muss, dass der Misthaufen um die Ecke liegt. Deshalb gilt nicht nur für den Jobeinstieg, sondern auch noch später, sich eine Lebensplanung zu Recht zu legen. Die Zufälle kommen ohnehin. Aber ein bisschen mehr Klarheit, wie das eigene Leben gestaltet sein sollte, würde helfen.

(JT)

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