Alarm für die Wirtschaft: Die Grauhaarigen greifen an!

Alarm für die Wirtschaft: Die Grauhaarigen greifen an!

Der Wirtschafts- und Beschäftigungsboom in Deutschland seit etwa 2004 zeigt sich in vielfältigen Facetten, manchmal auch in überraschenden. Wussten Sie, dass es eine signifikante Zahl an Firmengründungen durch Ältere gibt? Das sind keine „Notgründungen“ aus der Arbeitslosigkeit, wie es in der Vergangenheit oft war. (1) Während in den vergangenen Jahren die Gründungszahlen insgesamt deutlich zurückgingen, so dass der Jugend bereits ein Mangel an unternehmerischer Motivation zugeschrieben wird, steigt das Interesse der über 45-Jährigen an der Unternehmensgründung.

Diese Gründer sind gut ausgebildet, erfahren und umsichtig. Sie gelten als „Chancengründer“ und nicht als „Notgründer“ und ihr unternehmerischer Erfolg ist nachhaltig.(2) Dieses Phänomen ist nicht nur in Deutschland bemerkbar: „Seniors in Business serve the fastest growing segment of entrepreneurship in the world - senior entrepreneurs (people over the age of 50) who are looking for an encore career, whether it is because they want to, or have to." (3)

Die neuen Senior-Entrepreneurs

Insgesamt geht die - noch junge - Forschung zu den Senior-Entrepreneurs davon aus, dass in Zukunft die Gesamtzahl der Gründungen demographisch bedingt noch weiter zurückgehen wird, diese aber qualitativ hochwertiger und erfolgversprechender sein werden. Und an diesen Chancengründungen haben gerade die Älteren signifikanten Anteil. Gesamtwirtschaftlich betrachtet üben die Chancengründer einen hohen positiven Einfluss auf die Wirtschaft aus, da sie sich durch Marktneuheiten und Innovationen auszeichnen.

Der weitere Rückgang in den absoluten Gründungszahlen ist aufgrund der demographischen Entwicklung allerdings grundsätzlich unumkehrbar. Es sei denn, er wird durch höhere Gründungsneigung beispielsweise bei Frauen, Akademikern und eben Menschen in der zweiten Lebenshälfte kompensiert. „Soll die Gründungsquote in Deutschland langfristig stabil bleiben, sind wir dringend auf Gründer jenseits der Lebensmitte angewiesen, auf ihre Kompetenz, Kreativität und Innovationskraft“ (4)

Die Experten wachen auf

Die über 45-Jährigen waren seit vielen Jahren (1980 bis etwa 2010) bei Verlust ihres Arbeitsplatzes existentiell gefährdet, weil sie eine nur mäßige Chance auf rasche Wiedereinstellung hatten, aber eine Familie versorgt werden musste und Darlehen für die Immobilie abzutragen waren. Dies hatte in dieser Altersgruppe in der Vergangenheit zu einer gewissen Vorsicht geführt. Es bestand aufgrund der Abhängigkeit auch kein Agieren auf Augenhöhe mit dem Arbeitgeber oder der direkten Führungskraft. (Vgl. unseren Blog von 2014: www.t-n-p.de/blog/87-unternehmen-sind-nicht-auf-den-bewerbermarkt-vorbereitet.htm). Jetzt erlebt diese Altersgruppe zumindest in den MINT-Berufen, dass sie im Markt gefragt ist und ohne große Schwierigkeiten den Job wechseln kann.

Ältere sind nicht nur gesundheitlich fitter als früher, sondern sie wollen auch Inhalte beitragen. Sie werden experimentierfreudig für Veränderungen (Jobwechsel / Gründung); und Arbeitgeber, die sie in der Vergangenheit ihre Abhängigkeit spüren ließen (und das waren viele Unternehmen) laufen jetzt Gefahr, diese Experten zu verlieren. Auch hier zeigt sich der Wettbewerb der Unternehmenskulturen.

Auswirkungen für die Belegschaft von Unternehmen

Die Pointe daran ist, dass Unternehmen jetzt nicht nur Schwierigkeiten haben, Nachwuchs zu gewinnen. Sondern sie sind darüber hinaus auch nicht darauf vorbereitet, dass die wichtige Mitarbeitergruppe der Senior-Experten – deren Expertise sie dringend benötigen – nun über genügend alternative Beschäftigungsoptionen verfügt. Den vermutlich ansteigenden Weggang dieser Experten werden Unternehmen schmerzhaft verspüren. Zudem ziehen diese zusätzlich auch noch weitere Kollegen nach. Adäquate Nachbesetzungen in den Unternehmen sind ausgeschlossen – einzige Ausnahme: man ringt sich zur Beauftragung von Headhuntern auch für Experten durch. Anders geht es kaum. Nur gibt es kaum Headhunter, die es beherrschen, Professionals zu finden und für den Wechsel zu gewinnen.

Und dass selbst die Beschäftigungsquote der über 60 Jährigen steigt, liegt eben nicht nur am Abbau von Frühverrentungsmöglichkeiten, sondern immer mehr am bleibenden Gestaltungsinteresse gerade der höher gebildeten Älteren. Einzige Voraussetzungen für den Erfolg der Älteren sind, a.) die fachliche Kompetenz und b) genügend Leidenschaft; und gerade diese ist oft genug gegeben.

Beschäftigungsstatistiken zeigen die neuen Chancen der Älteren deutlich

Die Zahl der erwerbstätigen 55-60-Jährigen ist in Deutschland von 2005 bis 2015 von 2,7 auf 3,5 Millionen (+ 31%) Beschäftigte angestiegen, und die Zahl der 60-65-Jährigen hat sich im gleichen Zeitraum von 0,8 auf 1,9 Millionen Beschäftigte mehr als verdoppelt. Bezogen auf die Beschäftigungsquote dieser Altersgruppe ist das ein Anstieg von 16% auf 36%.(5) Rechnet man Minijobber und Selbstständige dazu, sind trotz Frühverrentung und Rente mit 63 überraschende 60% dieser 5,2 Millionen starken Bevölkerungsgruppe der 60 bis 65-Jährigen arbeitstätig. (6)

Deutschland boomt

Die Beschäftigungszahl ist in Deutschland seit 2009 bis derzeit von 39 auf fast 44 Millionen Beschäftigte angewachsen, ein Zuwachs von knapp 5 Millionen Menschen. Das ist eine enorme Zahl! Und um die Dimension deutlich zu machen – sie ist deutlich größer als der gesamte sozialversicherungspflichtige Arbeitsmarkt Österreichs mit 3,5 Mill. Beschäftigten. (7) (Vgl. auch www.t-n-p.de/blog/125-deutschland-hat-oesterreich-huckepack-genommen.htm)

Beschäftigungsstrategien für die kommenden Jahre

Wo liegen die Lösungen, um einen weiteren Beschäftigungsaufbau in Deutschland zu bewerkstelligen bzw. aufgrund des Ausscheidens der Babyboomer in den nächsten 10 Jahren nur das aktuelle Niveau zu halten? Von irgendwoher müssen diese Beschäftigten ja kommen.

Die möglichen Strategien und Quellen sind:

Strukturell:

  • Nearshoring (gilt mittlerweile nicht mehr nur für IT-Positionen)
  • Digitalisierung

Auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Deutschland bezogen:

  • Schaffung erheblich verbesserter Bedingungen zur Vereinbarkeit von Familie & Beruf. Damit erhalten vor allem Frauen nach der Babypause endlich passende Chancen für den Wiedereinstieg
  • Qualifizierte junge Menschen aus dem EU-Ausland
  • Schul-und Ausbildungsabbrecher
  • Und es gibt bereits erste Effekte - vor allem im handwerklichen Bereich - durch die Flüchtlinge, aber das ist ein eigenes spannendes Thema

Literaturhinweise:

  1. www.ifm-bonn.org/statistiken/gruendungen-und-unternehmensschliessungen/#accordion=0&tab=3
  2. www.rkw-kompetenzzentrum.de/gruendung/mehr-themen/senior-entrepreneurship/
  3. www.wise-seniorsinbusiness.com/about
  4. Studie Gründerinnen und Gründer ab dem mittleren Alter: Schlüsselfaktor für die Wirtschaft (RKW) und www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/senioren-als-unternehmer-wenn-alte-menschen-gruenden-a-1026844.html
  5. Bundesagentur für Arbeit (zuletzt 2016), Analytikreport: Analyse des Arbeitsmarktes für Ältere
  6. FAZ: 9. Januar 2017, Nr.7, S.15 „Immer mehr Ruheständler arbeiten“
  7. www.sozialversicherung.at/portal27/esvportal/content?contentid=10007.683681&viewmode=content

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