Homeoffice rettet die Welt nicht.

Warum Sie Homeoffice dosiert einsetzen sollten!

Homeoffice rettet die Welt nicht. Warum Sie Homeoffice dosiert einsetzen sollten

 

Alle Welt redet jetzt von der Großartigkeit des Homeoffice und Unternehmen bemühen sich, hier umfassende Lösungen zu finden. Ich persönlich empfinde die Inhalte der Diskussion jedoch als etwas unglücklich und vieles als zu kurz gedacht. (Und es beschleicht mich auch der Verdacht, dass eine wichtige Triebfeder reines Kostenmanagement ist mit dem Ziel der Reduktion der Bürofläche. Das wäre aus meiner Sicht jedoch eine nicht zielführende Sichtweise).

Zunächst meine persönlichen Statements:

1.) Homeoffice:
Die Möglichkeit von Homeoffice wird für viele Tätigkeiten eine neue Normalität.

2.) Präsenz im Büro:
Das Thema der Präsenz rückt weg von der "Kontrolle" (die Person ist im Büro anwesend, arbeitet also ...) hin zu einem aktiv gesuchten Zustand der physischen Präsenz und des persönliches Treffen. Dieses persönliche Treffen wird demnächst unter qualitativen Gesichtspunkten neu bewertet werden, als "Qualität der Begegnung", die aktiv in besonderen Arbeitssituationen gesucht wird.
Das physische Treffen wird nicht nur zur Weihnachtsfeier wichtig sein, nicht nur für den Projekt-Kickoff und nicht nur für so etwas wie Jahresgespräche. Sondern es wird viel öfter und für mehr differenzierte Ansatzpunkte genutzt werden. Ich glaube auch, dass immer dann, wenn es um emotional Schwieriges geht (Performance, Verhaltensänderung, Aufgaben-Änderung) die Führungskraft bessere Ergebnisse erzielt, wenn das Gespräch "persönlich" wird, dazu gehört physische Präsenz womöglich unabdingbar dazu.
Investitionen in Vertrauen zahlen sich aus. Ohne physische Begegnung bleibt Vertrauen begrenzt. Sie hat eben auch Vorteile, die wir nicht aufgeben sollten. Z.B. zahlen Menschen in Restaurants mehr Trinkgeld, wenn sie vom Service (Geschlecht unerheblich) berührt wurden.

Die Art der physischen Begegnung in Unternehmen wird sich wohl ändern. Der Vorstand eines IT-Konzerns berichtete mir, dass sie eigentlich bauen wollten, dies nun (nicht aus Kostengründen) zurückgestellt haben, weil sie nicht wissen, wie die Räume gestaltet werden sollen und welche Art von Begegnungen dort stattfinden werden.

Interessante Literatur hierzu:
Originell fast ist die Einsicht des CEO eines komplett virtuell gestarteten Startups, dass zu viel Virtualität schädlich sei. Das Unternehmen hat die Entwicklung von Remote zu Büro durchlaufen. Während also viele die Virtualität preisen, mehren sich auch die anderen Stimmen mit einer differenzierteren Sicht. Hier ein Interview mit Vincent Huguet, dem CEO von Malt.
Link zum Interview Vincent Huguet

In die gleiche Richtung geht die aktuelle Rückmeldung von Jörg Staff, Mitglied Vorstand und Arbeitsdirektor bei Fiducia aus dem August zum Thema "Der Homeoffice-Hype".
Link zum Artikel "Der Homeoffice-Hype" von Jörg Staff erschienen im Human Resources Manager (HRM)

Das "Homecoming" (… ins Unternehmen ...)
Der Trivago-CEO Axel Hefer (knapp 1 Mrd. € Umsatz) warnt aktuell (26.8.) ebenfalls vor einem Scheitern des kompletten Remote-Arbeitens. Er wirbt für eine hybride Lösung und bietet den eigenen Mitarbeitern die Rückkehr von 1-2 Wochen/Monat als "Homecoming" an.
Link zum Artikel in Businessinsider

Wandel der Unternehmenskultur
Die Flexibilität des virtuellen Arbeitens wird in automatischer Korrelation mit der Änderung der Unternehmenskultur und hin zu einem New Work gesehen. Das ist jedoch nicht richtig. New Work basiert auf einer inspirierenden und vertrauensbasierten Kultur. Erste Untersuchungen zeigen anderes: "Durch die Corona-Pandemie wurde bisher keine Veränderung von Leadership, Kultur oder Kompetenzentwicklung erzielt".  (Prof. Dr. Heike Bruch, Univ. St. Gallen und Dr. Matthias Meifert, HR Pepper - Personalmagazin 06.2020, S.7)

Wir selbst haben in den vergangenen Wochen etwa 50 Kulturanalysen mit unserem eigenen Ansatz "Valuesimpact" durchgeführt und haben ein ähnliches Bild gewonnen: Es gibt Unternehmen, in denen sich kein solcher Wandel ergeben hat. Unsere Analyse zeigt aber auch, dass bei durchaus nicht wenigen Unternehmen sich schon ein deutlicher Kulturwandel eingestellt hat, der auch konkret beschreibbar ist. Wobei jedoch offen bleibt, ob es gelingt, ihn dauerhaft zu verfestigen.

Neues Phänomen: die "Zoom Fatigue"
Die neuen Probleme, die in der Remote-Welt auftauchen, heißen z.B. „Zoom Fatigue“ (29 Mio. Treffer in Google!). Und aus unserer Erfahrung wissen wir, dass Geschäftsleitungen zunächst begeistert über die Effizienz Ihrer Video-Meetings waren. Jetzt hören wir jedoch vermehrt die Klage, dass man als Board damit mittlerweile zu langsam sei, dass Schwieriges nicht gelöst würde und dass sich Unsicherheit über den jeweiligen Standpunkt der anderen einstelle.

Und für Sie sicher überraschend: was sagen Expert*innen über Kennenlern- und Dating-Portale und Covid 19?
Gerade in der Pandemie heißt es, seien Dating-Portale großartig und wichtig (skypen, zoomen, sich sehen und miteinander reden). Aber es sei eben nicht dasselbe wie eine echte körperliche Begegnung. Das menschliche Gehirn hat sich so entwickelt, dass es für tiefer gehende Gefühle notwendig körperliche Präsenz benötigt. Man könnte auch sagen: Die Evolution wusste nicht, dass es einmal Social Media geben würde. Und Biologie verändert sich nur sehr langsam, Technik dagegen sehr schnell. Die Zunahme an psychischen Erkrankungen bei Jugendlichen wird hiermit in kausalen Bezug gesetzt.

Die Reduktion der eingesetzten Sinnesorgane reduziert menschliche Kompetenz
Für komplexe oder vitale Entscheidungen benötigen Menschen alle Sinnesorgane, nicht nur Auge und Ohr, sondern eben auch die anderen 3 klassischen Sinnesorgane Nase, Haut und Schmecken und es gibt über die sogenannten "5 Sinne" hinaus  noch eine Reihe weiterer Sinne wie das Wahrnehmen von Temperatur, räumlicher Bewegung, Gleichgewicht, Schmerz, und weitere mehr.
Es heißt, online würden etwa 70 Prozent der notwendigen Informationen fehlen. Und es ist kein Zufall, dass Dinge, die noch nicht greifbar und in der Schwebe sind, so bezeichnet werden: Dieses Ergebnis "schmeckt" mir nicht, dieses Vorgehen hat einen "fahlen Beigeschmack", die Neuausrichtung "fühlt" sich nicht gut an, und so weiter.

Es gibt z.B. Rückmeldungen, dass die enorme Zunahme seelischer Erkrankungen bei Jugendlichen aus der Zunahme der virtuellen emotional geprägten Begegnungen herrühre, weil die faktische Realität der Begegnung ohne physische Gegenwart eben nicht zu den Verarbeitungsmöglichkeiten des Gehirns passe.

Ob diese aus dem Bereich der Dating-Portale gewonnene Erkenntnis nicht auch Implikationen für das Zusammen-Denken, Zusammen-Fühlen und Zusammen-Arbeiten in sozialen, kreativen, innovativen, gemeinsam leidenden und kämpfenden Unternehmen bedeutet, in denen wir den Großteil unserer Lebenszeit verbringen, wird sich zeigen müssen. Ich glaube schon.

Mit Gruß, Johannes Terhalle

Aus unserem Blog

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